Suchmaschinen und Könige
Der ottonische König Heinrich I. (876-936 n. Chr.), seines Zeichens sozusagen “deutscher” König und seine Nachfahren hatten einen Regierungsstil, der uns heute völlig fremd vorkommt. Da ich kurz vor der Zwischenprüfung in Geschichte stehe und mittlerweile schon einen guten Haufen Leser pro Tag habe, will ich einmal meine Faszination an der Geschichtswissenschaft an einem Beispiel erklären.
Wie gesagt, war der Regierungsstil von Heinrich I., besonders im Hinblick auf seine Feinde, etwas Besonderes – und für uns wahrscheinlich sehr unverständlich. Er selbst war nicht der Sohn seines Vorgängers Konrad I. gewesen – er war nicht einmal mit ihm verwandt gewesen.
Er und König Konrad hatten sich überhaupt nicht gut verstanden. Sie haben sogar gegeneinander Krieg geführt, weil Heinrich den damaligen König Konrad vom Thron stoßen wollte. Aber sie hatten sich wieder vertragen und als Konrad kinderlos starb, verfügte er, dass Heinrich König werden sollte. Es gab zwar immer eine Königswahl, aber im Allgemeinen respektierte und befolgte man die Entscheidung des Königs.
Obwohl Heinrich also gegen Konrad Krieg geführt hatte wurde er von ihm als Thronfolger vorgeschlagen. Vielleicht war es das ausschlaggebende Ereignis, denn Heinrich veränderte sich in dem Verhalten seinen Gegnern gegenüber grundlegend.
Deditio
Es passierte recht häufig, dass ein Herzog sich gegen seinen König auflehnte. Oft war der Platz um den Thron auch noch strittig und man führte Schlachten gegeneinander. Einer gewann – und der König blieb König. Wir würden heute erwarten, dass man den aufständischen Herzog daraufhin einen Kopf kürzer machte, einsperrte oder zumindest verbannte.
Aber zur Zeit der Ottonen war es die Regel, dass man gar nichts dergleichen tat. Im Gegenteil: Es folgte meist eine deditio. Die deditio war eine rituelle Unterwerfung des Besiegten (Herzogs u.a.), bei der er sich vor dem König niederkniete oder auch schon einmal zu Füßen warf. Das geschah meist auch in Anwesenheit möglichst vieler anderer Personen, damit es öffentlich bekannt wurde. In der Regel war dieser Vorgang von beiden Seiten vorher genauestens in seinem Ablauf abgesprochen – man spielte es sozusagen den Leuten vor.
Nach der deditio wurde der Herzog dann wieder nach Hause geschickt als wäre nichts gewesen und behielt seine alten Rechte bei – ohne Strafe. Der Herzog blieb Herzog, auch wenn er vorher versucht hatte, den König zu stürzen,.
Das widerspricht unserem heutigem Rechtsverständnis völlig. Man sollte aber erwähnen, dass in 90 % der Fälle der betroffene Herzog auch für immer Ruhe gab und nie wieder einen Aufstand versuchte. In der Regel gab es die Möglichkeit der deditio nämlich nur ein einziges Mal. Gnade bekam man nur einmal, beim zweiten Mal verlor man in der Regel seinen Kopf.
Die deditio war nicht ein herausragendes Beispiel eines einzelnen Königs. Vielmehr bestimmte diese Art zu handeln eine ganze Dynastie: Die Ottonen. Hin und wieder kam ein Ottone auf die Idee, statt einer deditio Härte zu zeigen und bestrafte einzelne Herrscher sofort. Daraufhin gab es aber fast immer große Empörung im Reich, da man Gnade und Milde (und zwar wirkliche Milde) von einem König erwartete.
Könige und Suchmaschinen heute
Trotzdem gibt es heutzutage keinen Fall, der der Deditio ähnlich wäre. Oder? Eines würde mir da einfallen: Der Wiederaufnahmeantrag bei Google. Man müsste einmal nachfragen, ob das bei Google auch nur einmal möglich ist.
Bei Google kann man tatsächlich davon sprechen, dass ein rechtsfreier Raum besteht. Wer in die Suchergebnisse kommt und warum – das entscheidet nur Google. Klagen kann man nicht dagegen. Google ist quasi der König des Internets.
Trotzdem ist Google (meiner Meinung nach) letztendlich gerecht. Als “König der Suchmaschinen” kann Google gar nicht parteiisch sein. Was würde es denn bringen? Und wenn wir über Google meckern: Es wäre theoretisch möglich, eine andere Suchmaschine im Internet zu propagieren. Wenn die Ergebnisse unfair und ungerecht werden würden, dann würde das auch passieren – sozusagen eine kleine Revolution im Internet.
Die Folge aber wäre Chaos: Die SERPS wären wahrscheinlich vollkommen anders und viele Seitenbetreiber würden pleite gehen, während andere als Emporkömmlinge mit seltsamen Methoden plötzlich auf Platz 1 wären. Jede Internetseite würde sich in ihrem Aufbau verändern, wenn andere Faktoren als bisher zählen würden. Ich persönlich bleibe daher lieber bei Google – eine Revolution brauche ich nicht. Und wer einmal Mist gebaut hat, kann ja immer noch einen Wiederaufnahmeantrag deditio stellen. In diesem Sinne:
Lang lebe der König Google!
Verwandte Artikel:
- OsCommerce und Suchmaschinen >>Suchmaschinenoptimierung und OSCommerce sind zwei völlig verschiedene Welten. Ich habe die Tage einmal probeweise einen Shop aufgesetzt und war richtig entsetzt. Es ist eine Sache, wenn ein Shopsystem nicht ideal...
- Wie japanische Suchmaschinen funktionieren >>Schade eigentlich, dass wir SEO’s immer nur auf die USA sehen. Japan ist da viel interessanter und bringt neue Technologien an den Mann. Wer einmal sehen möchte wie die japanischen...


Über den Autor:


Seokratie abonnieren







[...] Forrás: Suchmaschinen und Könige [...]