Das Google Disavow Links Tool: Ein Meilenstein für SEO?

17. Oktober 2012  |     |  12 Kommentare
Ein Beitrag von Julian Dziki

Wer meinen Blog kennt, der weiß, dass ich prinzipiell eher dazu neige Neuerungen herunterzuspielen. In der Regel ändert sich oft auch nicht viel. Panda und Pinguin sind so ein Beispiel: Guten Content brauchte man schon vorher, jetzt zählt eben Userverhalten und Duplicate Content noch mehr als vorher. Mit Pinguin hat Google die Messlatte höher gelegt, aber Linkkauf wird bereits seit 2007/08 abgestraft.

Disavow Links: Entwerte Deine unliebsamen Links!

Seit Pinguin gehört es manchmal zu den Jobs eines SEOs, Links zu entfernen. Was aber wenn der gesetzte Link nicht entfernt werden kann, etwa weil der Webmaster nicht reagiert oder es sich schlichtweg um Spam handelt, den man nicht entfernen kann? Bisher gab es dafür keine Lösung. Bing hatte bereits im Juni eine gefunden. Gestern hat Matt Cutts in Las Vegas angekündigt, dass man ein neues Tool launcht (bereits online), mit dem man als Webmaster Google mitteilen kann, welche Links gewertet werden sollen und welche nicht. Das ganze kann man für einzelne Unterseiten machen oder für komplette Domains (à la “Ignoriere alle Links von Spamdomain.com). Inbesondere negative SEO hat damit also ausgedient.

Wozu ist das Disavow Tool gut?

Alle meine Leser sind mir wichtig, deswegen verinnerlicht Euch das bitte: Solltet Ihr jetzt das Tool nutzen, um Eure Domain “auf Vordermann” zu polieren, dann verliert Ihr sehr wahrscheinlich mehr als Ihr gewinnt. Matt Cutts sagt das auch mehrmals sehr deutlich im Video. Er benutzt den Begriff, dass man sich selbst in den Fuss schießen kann. Die Links werden (allem bisherigen Anschein nach) nämlich vollautomatisch entwertet. Hier mal ein paar Szenarien.

Google Disavow Links Tool
Google Disavow Links Tool: So sieht es aus

1. Ihr habt die “Meldung über unnatürliche Links” bekommen

In diesem Fall ist das Tool tatsächlich ein guter Helfer. Jetzt könnt Ihr die Links direkt entwerten, sofern Ihr sie entwertet haben wollt. Aber Achtung: Ich würde zuerst sehr wenige, dann vielleicht später mehr Links entwerten. In das Tool gehören nur die Links, die Ihr auch dem Search Quality Team geschickt hättet, nicht ein Foreneintrag, den ein echter User auf einem kleineren, aber nicht-themenrelevanten Forum hinterlassen hat. Merkt Euch bitte, dass “schlechte” Links nicht bedeutet, dass sie “schwach” sind, im Gegenteil! “Böse” sind meist die starken und gekauften Links, denn diese können den Algorithmus starkt verfälschen.

2. Ihr habt keine Meldung bekommen und Eure Rankings sind konstant gut / steigend

Nichts machen! Solange Ihr keine Penalty bekommen habt, lasst Euer Backlinkprofil um Gottes Willen in Ruhe! Ihr rankt so wie Ihr gerade rankt, wegen genau dieser Links! Solange das Kind noch nicht in den Brunnen gefallen ist, lasst es also sein. Mit “hochfrisieren” und “optimieren” eines Backlinkprofils wird man nicht weit kommen. Gerade Foren, Blogkommentare und auch Gästebücher sollte man in Ruhe lassen. In gewisser Weise sind diese Links auch natürlich – außer man übertreibt es. Aber ein paar kann man stehen lassen – warum sonst sollte man seine URL in Blogkommentaren angeben dürfen?

3. Ihr habt keine Meldung bekommen und Eure Rankings sind konstant schlecht

Ich will nicht überheblich klingen, aber es gibt viele Webmaster da draussen, die “SEO betreiben” und dann gerade mal zwei Hand voll Links haben. Diese Domains haben in 99 % der Fälle keine Penalty, sondern schlichtweg zu wenige Links. Solange nicht der Großteil Eurer Links Keyword-Links sind, braucht Ihr also nichts befürchten. Und selbst dann kann man bei 20 Links insgesamt das Verhältnis einfacher kippen als diese 20 dann auch noch für ungültig zu erklären.

4. Ihr seid Newbies / Keine Vollzeit- oder passionierten SEOs

Wenn Ihr noch nie eine 301-Weiterleitung gemacht habt, kein Canonical praktiziert, nicht die Webmastertools kennt und nicht aktiv täglich SEO macht, dann lasst es sein oder holt Euch einen Profi. Ernsthaft: Ihr könnt die jahrelange Historie Eurer Domain völlig zerstören. Glaubt mir bitte, wenn ich sage dass man als Newbie keine schlechten Links erkennen kann. Beziehungsweise eher umgekehrt: Die Gefahr ist riesig, dass man einen richtig guten Link entwerten lässt, bloß weil er äußerlich nicht gut aussieht. Eine meiner Domain wurde einmal (freiwillig) auf der Linkseite einer anderen Hobby-Webseite verlinkt. Auf dieser Linkseite gab es weit über 100 externe Links. Dieser eine Link bescherte mir aber einen immensen Rankingsprung, siehe Näheres zum Thema “Hubseiten”. Wer solche Links, beispielsweise von guten alten Frame-Webseiten löscht, der schießt sich oft wirklich ins Bein.

5. Ihr habt eine Anchortext-/ Spampenalty bekommen

Gratulation, Ihr werdet zu den großen Gewinnern gehören. Ich bin schon wirklich gespannt, wie der Finanz- und Kreditbereich der organischen Suche in einigen Monaten aussehen wird, denn man wird einige alte Bekannte wiedertreffen. Ich kann die Auswirkungen nicht wirklich einschätzen, aber sollte das Tool so funktionieren wie gedacht, dann können viele Leute ihre verbrannten Domains aus dem Keller holen und damit wieder Spaß haben! :-) Und ich meine, seien wir mal ehrlich: Gerade wir SEOs haben manchmal Unmengen von verbrannten Domains noch herumliegen.

Auf der anderen Seite könnte es zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen: Ich erinnere mich da an einen Fall, in dem ein Konkurrent unseres Kunden enorm viele spammy Links aufbaute (sowohl Linkherkunft wie auch Linktexte waren mehr als fraglich) und einige Zeit besser rankte. Irgendwann knallte es dann aber aufgrund von Überoptimierung und der Konkurrent ward nie wieder gesehen. Mit einem klugen “Disavow Link” Request könnte er innerhalb kürzester Zeit wieder in die Top10 kommen.

Welche Links soll man entwerten?

 Was passiert mit “Disavowed Domains”?

Eine wichtige Frage ist noch, was mit Domains passiert, die in mehreren “Disavow”-Reporten verschiedener Webmaster auftauchen. Ich denke, dass Google hier eine gute Möglichkeit sieht, wiederrum gekaufte / gespammte Links zu erkennen. Aber ich denke nicht, dass das die Hauptintention für die Entwicklung des Tools war. Zum einen gibt es bereits unendlich viele Spamreports und “Selbstanzeigen” von Webmastern durch die “Unnatural Links” Warnung. Zum anderen denke ich, dass Google momentan schlichtweg personell überfordert ist, diese ganzen Selbstanzeigen auszuwerten. Daher gibt man jetzt den Webmastern die Möglichkeit, sich selbst um seine Backlinks zu kümmern.

Fazit

Das Tool ist eine gute Sache, keine Frage. Ich rate aber jedem: Wer sich nicht 100%ig sicher ist, was er macht und wer nicht sowieso schon bis zum Hals in Google-Problemen steckt, der sollte das Tool (noch) nicht nutzen. Alleine schon aufgrund der Tatsache, dass es bald Case-Studies geben wird, die genau analysieren, wie jemand aus einer Penalty gekommen ist. Wer ein paar verbrannte Domains herumliegen hat, der sollte aber schon damit experimentieren – wenn es nicht essentiell für sein Business ist.

Blogposts zum Thema

Richtig schön finde ich, dass wieder sehr viele Leute gebloggt haben! Hier ein paar Blogposts:

Foto Copyright: rangizzz / Shutterstock.com

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Über den Autor

Julian Dziki ist SEO, Online Marketer und Affiliate seit 2007. Suchmaschinenoptimierung München

12 Kommentare

  • Hi Julian,

    ich glaube der wirklich interessante Punkt ist, was dann wirklich mit den gemeldeten “Spam Domains” passiert. Ich glaube nicht das Google da vorerst etwas unternehmen wird. Aber langfristig wird Google sich da sicher was überlegen. Die Daten sind in jedem Fall Gold wert.

  • Hallo Julian,

    schöner Artikel! Du hast da an sehr viele Dinge gedacht, die der ein oder andere sicher nicht bedacht hätte.

    “Auf der anderen Seite könnte es zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen” Da muss ich dir Recht geben, das könnte in der Tat passieren und dann wären im Prinzip die jenigen die “Blöden”, die keinen Linkaufbau betrieben haben und damit auch keine Penalty abbekommen haben. Und das wäre natürlich auch am Ziel vorbei. Denn das kann / darf eigentlich auch nicht sein. Das würde nämlich bedeuten, dass alle jetzt wie die wilden Linkaufbau betreiben, bis es kracht. Und dann geht man einfach her und baut solange wieder Links ab, bis das alte Ranking wieder da ist. Da würde sich Google ins eigene Knie schießen. Ob es dann tatsächlich so einfach sein wird… naja, warten wir’s ab.

  • Ich bin mit vielen Keywords auf >100 gerutscht – und habe in Webmastertools eine Nachricht bekommen: “Big traffic change for top Url”

    Eine Ahnung was Google mir damit sagen will? Dass nur ich daran schuld bin und nicht meine Links?! Wüsste nicht welche ich entfernen müsste :-(

  • Gute Zusammenfassung. Meines Erachtens sollte Google sowieso in der Lage sein, schlechte Links zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Wenigstens hat man nun ein Werkzeug an der Hand, um in bestimmten Fällen aktiv werden zu können.

  • Max

    Hi, hilfreicher Artikel aber ich habe noch eine Frage: Was wenn man viele also nicht 1000 aber so ca. 150 Backlinks hat und ich bin mit dem Hauptkey Ende September abgerutscht obwohl kein Pinguin Update oder sowas war, kurz vorher war wohl in Amerika das EMD Update aber hier nicht soweit ich weiss, jetzt bin ich auf Platz 100 irgendwas, ist das dann eine Keyword Penalty woraufhin ich Links entfernen soll?

  • Wenn es tatsächlich noch eines Beweises dafür bedurfte, dass Google eben nicht das allwissende Interntmoster ist und dass dort auch nur mit Waaser gekocht wurde, dann ist es wohl dieses neue Tool. Ein Gradmesser der Hilflosigkeit.

  • Coole Sache für Google! So sparen sie sich doch die Suche nach den Spamseiten, und auch die Mitarbeiter, denn es wird schon genug Leute geben, die das Tool nutzen. Und wenn eine kritische Masse erreicht ist die die Site xyz für spammy hält wird sie Google wohl automatisch auf Ramschniveau einstufen.

    SEO-Generated Spam-Reportings. Und die User, die das nutzen werden sicher SEOs sein, die schlechte Links aussortieren wollen. Vielleicht machen sie sich anfangs noch die Mühe die so aussortierten Seiten anzusehen. Danach werden sie automatisch vom Algo weg geputzt.

  • Wirklich guter Beitrag!
    Ich kann den Punkt nur unterstützen, dass wenn man das Tool anwendet, nicht zu viele Links auf einmal und zu schnell bearbeiten. Das wirkt auch schon wieder etwas suspekt.
    Wenn Ihr Links entwertet, dann 100% sicher sein, man kann das nicht mehr rückgängig machen. Wenn ausversehen ein “guter” Link gelöscht wird … hat man sich in die Nesseln gesetzt.

    Auf der einen Seite ist das Tool ja ganz gut, aber viel interessanter wäre auch die Frage, wie Google oder wir gegen schadhafte aber starke Links vorgehen können, die uns ein fremder Dritter “eingebrockt” hat.

    Gruß

  • Ich schließe mich vielen Punkten im Posting an, sehr gut ausformuliert. Nur in einem Punkt muss ich widersprechen. Seit Freitag gibt es ja eine präzisere Aussage von Google, die unterschiedlich das Tool bei Penguin- und bei manuellen Penalties wirkt. Wenn dieses Aussagen stimmen, dann spricht zumindest bei reinen Penguin-Penalties nichts dagegen, sofort alle Spamlinks entwerten zu lassen, statt langsam mit der Salami-Taktik vorzugehen (natürlich nur, wenn man die sauber gesichtet hat vorher). Und aufpassen mit dem Zeichensatz, uns hat das 5 Tage gekostet!

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