Jedesmal, wenn ich von einem Deutschen das Wort “SMO” (Social Media Optimization) höre, dann stellen sich  mir die Nackenhaare auf. Zumindest, wenn diese selbsternannten SMO Experten damit Social Media Plattformen wie Yigg und Webnews meinen.

Wo sind die User?

Nachdem Plattformen wie Digg und Menéame erfolgreich waren, dachten sich einige deutsche Unternehmer “sowas machen wir auch”. Der Grund, warum die deutschen Pendants nicht erfolgreich waren, hat meiner Meinung nach zwei Ursprünge: Falsches Marketing und lieblose Umsetzung, die einfach nur aus “Abkupfern” besteht.

Während man bei Digg und Menéame von Anfang an versuchte den normalen Internetuser zu  überzeugen, sprachen die deutschen Services gezielt die Webmaster an, in der Annahme dass der Durchschnittsuser noch nicht reif für so etwas ist, bzw. die erfahrenen Webmaster auf der Plattform dann die normalen User anlocken würden. Genau da liegt der Kern des Übels: Webmaster, SEOs und Blogger neigen dazu, ihre eigenen Inhalte hochzustellen, benutzen die Plattform aber nicht. Daraus resultiert, dass ich bei Yigg auf Platz 1 der ersten Seite lächerliche 80 Besucher am Tag hatte. Da bringt mir die private Homepage von Oma’s Marmeladenladen mehr Besucher.

Der Traffic kommt also nur von Webmastern, die auf die Plattform gehen, ihr Zeug einstellen und dann wieder verschwinden. Dazu kommen natürlich noch diese saudummen Aktionen (sorry, aber wahr) von den gleichen Leuten, die einen dann über Skype oder sonstige Sachen anschreiben, mit dem Betreff: “Vote mal bitte – hier der Link”. Das macht man dann 20 Mal und schon ist man auf der Startseite. Marcus hat den Algorithmus und das Vorgehen von Digg in diesen Dingen auf der Campixx sehr gut erklärt: Digg bestraft solche Votes, bewertet jeden Account einzeln (nach dem Trust-Prinzip) und vertreibt damit “Voting-SMO-Experten”.

Bei den ausländischen Plattformen können dementsprechend nur wirklich gute Sachen auf der ersten Seite landen. “Schummeln” ist überhaupt nicht möglich, während ich in Deutschland mit einer eingeschworenen Gemeinde von 100 Webmastern eine komplette Plattform lahmlegen könnte – ohne Probleme.

Im Gegensatz dazu jammern die deutschen Services: Wenn man auch noch die Webmaster vertreibt (etwa durch Einführen von “nofollow”), dann hat man ja gar keine User mehr. Das Problem ist allerdings, dass jeder echte User sich mit Grauen abwendet, wenn er fünf dämliche “Geld-mit-Bloggen-verdienen”-Artikel auf der Startseite eines solchen Dienstes sieht oder die hundertse “Vorratsdatenspeicherung ist böse, bloggt mit”-Kampagne.

Den einfachen Webnutzer interessieren Blogs nicht die Bohne. Trotzdem sind 90% der Nachrichten auf deutschen SM-Plattformen in Blogs zu Hause. Warum? Weil Kalle, der Durchschnittsblogger nach dem Fertigstellen seines Blogartikels auf Yigg oder Webnews geht und seinen Artikel selbst einstellt.

Schlecht abgekupfert

Ich musste wirklich lachen, als StudiVZ neulich den Buschfunk eingeführt hat. Sieht man sich Facebook an und danach StudiVZ, dann liegen zwischen diesen beiden Plattformen Welten in Sachen Qualität, Nutzerfreundlichkeit und Funktionsvielfalt. Und nicht die deutschen User sind schuld, wie die Wachstumsraten von Twitter & Facebook in Deutschland zeigen! Es ist diese billige “Das hat in den USA Erfolg, also kupfern wir es mal ab, jedoch bloß keine eigenen Ideen hereinbringen”-Mentalität, die die deutschen Pendants so erfolglos macht.

Kaum hat ein Feature in den USA Erfolg, gibt es kurze Zeit später das gleiche Feature auf der entsprechenden deutschen Plattform. Beispiele sind meiner Meinung nach der “Buschfunk” oder die “Yiggbar”, sowie die Toolbar von Webnews, die der Diggbar sehr ähnlich sehen.

Unternehmer vs. Geeks

Ein weiterer großer Unterschied besteht wohl darin, dass in den USA Geeks die Plattformen gegründet und entwickelt haben, während es in Deutschland hauptsächlich “Gründerteams” mit enormen BWL-Hintergrund sind, die aber nicht einen blassen Schimmer vom Internet haben. Diese Gründerteams werden dann mit Geld ausgestattet und von Investoren die Klippe hinuntergestoßen, in der Hoffnung, dass sie fliegen lernen. Die meisten erreichen allerdings viel zu früh wieder den Boden (der Tatsachen).

Gegenbeispiele gibt es natürlich auch: Leute wie Thomas, Randolf oder Kolja haben sowohl finanzielles wie auch technisches Wissen rund um SEO, SEM, Online Marketing und kennen den deutschen bzw. internationalen Internetuser. Daher bauen sie auch keine Luftschlösser, sondern einfach nur gute Seiten, die Erfolg haben. Es reicht eben nicht, mit ein wenig Kapital etwas billig nachzubauen und dann dilettantisches Marketing von unterbezahlten Praktikanten machen zu lassen. Man braucht eigene Ideen, genug Know-How und vor allem Leidenschaft, damit es funktioniert.

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10 Responses to Social Media in Deutschland

  1. Mario sagt:

    Toller Beitrag. Deine Artikel stehen bei mir derzeit sehr hoch im Kurs, da sie wirklich nicht(!) die breitgetretenen News neu aufkochen;-)

  2. Jojo sagt:

    So ist das leider … ich hab die Hoffnung auf ein deutsches Digg, Meneame, Reddit oder sonst was längst aufgegeben.

    Glücklicherweise sind die Twitter-Kopien alle gescheitert und Twitter ist eindeutig die Nummer 1 in Deutschland. Bringt jetzt schon mehr Traffic als Yigg und Co …

  3. stefan sagt:

    danke für deine beiträge. gefallen sehr gut.

    bitte hier aber noch den teil mit kolja, randolf und co. mit beispielen hinterlegen. danke :-)

  4. Niklas sagt:

    Also ich kann dir da vollkommen zustimmen. Mittlerweile in nahezu jeder (Internet)-Branche zu begutachten. Irgendwo wird sich das in Zukunf zeigen, wer das Know-How, das nötige Durchhaltevermögen und zuletzt das richtige Marketing-Konzept hat,

  5. Alex sagt:

    Guter Beitrag. Das auf Services wie Yigg.de nur Webmaster rumsurfen habe ich auch schon des Öfteren bemängelt.
    Da bleibt nur noch die Option sinnvoll auf englisch zu bloggen und bei ausländischen Services wie Digg sein Glück zu versuchen.

  6. Marc sagt:

    Yigg und Co. haben es inzwischen eigtl so einfach.. soviele Leute haben Ihre System analysiert und geschrieben, was sie falsch machen und was sie ändern müssten.. Denkste da tut sich was?

  7. [...] Social Media in Deutschland – ein paar sehr gute Gedanken vom ZarDziki [...]

  8. Thomas sagt:

    Julz, netter Beitrag sprichst mir aus der Seele. Bleibt zu hoffen das die Geldgeber aufwachen und sich nicht mehr so leicht das Geld für solche sinnlosen StartUps aus der Tasche leiern lassen.

  9. Oh wie wahr die Worte doch sind… Man hätte es kaum besser ausdrücken können. Top Beitrag! Aller erste Sahne!

    Grüße Steven

  10. [...] fliegen ja nicht so wirklich. Ud Julian hat hierzu eine recht gute Erklärung in seinem Post Social Media in Deutschland gefunden. Und der SEOux Indianer zeigt auch gleich, warum das SMO in Deutschland nicht wirklich [...]

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