SEO Konkurrenzanalyse

22. Februar 2011  |     |  18 Kommentare
Ein Beitrag von Julian

Wer als SEO vor einem neuen Projekt steht, der möchte natürlich von Anfang an wissen, wie schwer es sein wird die Konkurrenz einzuholen. Heute versuche ich einmal ein paar Idealtypen von SEO-Konkurrenzsituationen zu bringen, wie sie oft auch in den Suchergebnissen vorkommen. Die Liste ist natürlich unvollständig und grob pauschalisiert. Auch kann ich natürlich weder Webseiten noch Themenfelder nennen. Aber so ungefähr wird man sich ja dann doch einordnen können, oder?

1. Der Loser-Markt

Ausgangssituation: In diesem Markt halte ich mich sehr gerne auf: Die Konkurrenz schläft und niemand in den Top10 betreibt wirklich professionelles SEO. Die letzten Backlinks der Konkurrenz sind Webkatalogeintragungen aus dem Jahr 2007 und schon allein anhand von Shopsystemen (OScommerce der letzten Generation und nie geupdatet) sieht man, wie altbacken die Suchergebnisse sind. Oft befindet man sich hier in einer extrem kleinen Nische mit sehr spezialisierten Webseiten. Die Konkurrenz hat meist sehr wenige Backlinks und Linkbuildinganstrengungen liegen Jahre zurück. Doch Vorsicht: Solche Domains können eine Menge Trust aufgeladen haben und das Überholen eines solchen “alten Hasen” sieht oft auf den ersten Blick einfacher aus als es tatsächlich ist.

Vorgehen: Besonders wichtig ist hier ein natürlicher Linkaufbau, der natürlich aussieht, riecht und schmeckt (aber es niemals ist, liebe “SEO-Vertriebler-Freunde des natürlichen Linkaufbaus”!). Wer allzu aggressiv vorgeht, der wird sich hier ein blaues Auge holen, daher sollte man lieber nach dem Prinzip “Eile mit Weile” vorgehen.

2. Der Trust-Markt

Ausgangssituation: Der zweite Markt sieht auf den ersten Blick oft aus wie ein Loser-Markt, aber es ist keiner. Auch hier sind die Seiten veraltet und unoptimiert, aber die Backlinks haben es in sich. Besonders oft sieht man hier klassische Offline-Marken: Schlecht Onpage-optimiert, aber mit einer Menge Trust-Backlinks von Kooperationspartnern, Presse und einfach aus der Tatsache heraus, dass man diese Marke oft verlinkt.

Vorgehen: Hier sollte man schon ein wenig aggressiver vorgehen, denn man hat eine Menge aufzuholen. Gleichzeitig sollte man darauf achten, ständig auf etwa dem gleichen Trust-Level wie die Konkurrenz mitzuspielen. Das kann sich als sehr schwierig bis sogar unmöglich erweisen. An Links von Traditionsmarken kommt man schlecht heran und dass so gut wie jede deutsche Zeitung online über eine neue Webseite berichtet passiert auch sehr selten. Jahrelang gewonnenen Trust mal eben innerhalb von ein paar Monaten nachzubauen ist in manchen Branchen unmöglich. Nicht zuletzt aufgrund der Brand-Updates hat der alte Mitbewerber oft einen unglaublichen Vorteil. Hier muss auch die Markenstrategie stimmen. Unmöglich ist jedoch nichts und mit ein wenig gezielter und andauernder SEO-Arbeit kann man auch hier gute Erfolge erreichen.

3. Der Platzhirsch-Markt

Ausgangssituation: Hier finden wir einige sehr gut etablierte Mitbewerber vor. Alle haben SEOs oder SEO-Agenturen und neben zwei bis drei Platzhirschen gibt es noch rund ein Dutzend kleinerer Mitbewerber. Der Linkgraph sieht meist (zum Glück) recht stabil aus: Die jeweilige Agentur hat im Jahr 2007 ihren Kunden nach vorne gebracht und legt seitdem die Füße hoch.

Vorgehen: Ganz einfach den Abstand in Sachen Links kleiner machen bis man die Mitbewerber überholt. Aber Vorsicht! Wir sprechen hier von etablierten Online-Unternehmen. Die Chefs dieser Unternehmen werden aktiv sobald ihr ihnen in den Suchergebnissen zu nahe kommt oder sie gar überholt. In der Regel wird dann der SEO-Agentur in den Hintern getreten oder eine neue Agentur eingestellt. Sehr schnell kann sich dann wieder Linkbuilding seitens des Wettbewerbs einstellen, das oft budgetmäßig auch sehr hoch angesetzt wird (etablierte Unternehmen haben mehr Geld als “Aufsteiger”). Als Aufsteiger muss man dann zusätzlich zu den “Aufhol”-Links noch die neuen Links des Mitbewerbers toppen.

4. Der High-End-Markt

Ausgangssituation: Das sind die Kür-Disziplinen des SEO. Hier reden wir von den Top-Keywords und Top-Branchen, von großen Unternehmen, guten SEO-Agenturen und ganzen Inhouse-Teams gegen die man antritt. Hier will jeder “mehr” und Stagnation ist für den Auftraggeber bzw. Chef ein Verlust.  Bis in die Top30 hinein hat man es hier mit ernsthaften Mitbewerbern zu tun. Als völliger Neuling im Markt kann man schon mal gute zwei Jahre mit der Etablierung der Webseite in Anspruch nehmen. Wenn man dann auf Augenhöhe ist, kann man sich auch nie zurücklehnen. Die Konkurrenz sieht jeden neuen Link, holt selbst neue und der gesamte Markt ist die reinste Materialschlacht.

Hier geht es aber nicht nur um Material (=Links), sondern auch um politische Entscheidungen. Hat das Unternehmen auf Platz 1 einen neuen SEO-Leiter? Hat er nichts drauf? Dann freut euch! Kleinste Details in Sachen Onpage-Optimierung, das Zusammenspiel von Programmierern und SEOs und der Rückhalt seitens der Firmenleitung, insbesondere in Budgetfragen sind hier teilweise wichtigere Faktoren als das reine SEO. Die SERPs sind teilweise recht stabil, teilweise aber auch sehr volatil: Bei Fehlern wird man sehr schnell bestraft. Die SEO-Taktiken sind bei (fast) allen immer auf dem neuesten Stand. Aus diesem Markt kommen auch die Innovationen im SEO-Bereich. Gleichzeitig gibt es hier oft auch spektakuläre Abstrafungen. Das greift Hand-in-Hand: So manche innovative SEO-Taktik wird Google nach kurzer Zeit zu bunt. Aus dem klaren Vorsprung wird dann ein Grund für eine Penalty.

Strategie: Sehr aggressives Vorgehen ist hier unerlässlich. Als persönliche Grundeinstellung gehört vor allem “Geduld” zu den wichtigsten Tugenden. Ob Inhouse-SEO oder Agentur: Man muss sich im Klaren sein, dass man lange kein Land sehen wird. Nicht nur SEO entscheidet hier das Rennen: Auch Mehrwert und andere Marketingkanäle sind wichtig. Budget, persönliche Eignung des SEOs und Position von SEO im Unternehmen müssen stimmen – Wer hier Nachteile hat, der hat kaum eine Chance.

5. Der Affiliate-Markt

Ausgangssituation: Hier ist einer schlechter als der andere. Meist handelt es sich hier um etablierte Märkte, die aber von reinen SEOs oder Affiliates betrieben werden. Beim Ansehen der Backlinks wird einem schlecht und die Seiten schreien geradezu nach Affiliate. Oft gibt es einfach keine anderen Mitbewerber und Google kann nur zwischen Not und Elend entscheiden.

Strategie: Mehrwert schaffen. Wer mehr Informationen / Hintergründe / News als andere bietet, der ist klar im Vorteil. Dann reichen einige wenige Links aus um die Mitbewerber zu überholen.

Mischformen

Es gibt in der freien Wildbahn fast nur Mischformen dieser Märkte und verschiedene Marktteilnehmer treten in den gleichen Märkten auf.  So kann eine schlechte Affiliate-Webseite im Loser-Markt durchaus gut da stehen, während sie im High-End Markt völlig untergehen würde. Ebenso kann es in einem Loser-Markt auch eine High-End Webseite mit Inhouse-Team und professionellem SEO geben – dann wird das Erreichen von Platz 2 sehr einfach, während Platz 1 immense Anstrengungen bedeutet. Natürlich geht es auch immer um Keywords: Nicht jedes Keyword ist unglaublich hart umkämpft – aber in ausgewachsenen High-End Märkten (Immobilien, Finanzen, Versicherungen) findet man sehr oft die gleichen 10-20 Marktteilnehmer.

Eure Meinung?



Bild: http://icanhascheezburger.com/2011/02/21/funny-pictures-einsteins-cat-plans-lunch/

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Über den Autor

Julian Dziki ist SEO, Online Marketer und Affiliate seit 2007. Suchmaschinenoptimierung München

18 Kommentare

Reaktionen auf diesen Beitrag

  • Hey Julian,
    könntest du die Sache mit dem Affiliate Markt noch etwas genauer erklären? Also konkret: was ist für dich ein reiner Affiliate Markt? Am besten wäre ein Keyword… ;)

    Ich wunder mich da ein bisschen, weil es ja auch Affiliates gibt, die ihre Seiten mit SEO pushen und da kann ich mir eigentlich nicht so ganz vorstellen, dass man da “allein mit Content” nach vorn kommt.

    Viele Grüße
    Pascal

  • Also ich hab schon einige Affiliate-Seiten gesehen die von SEOs gemacht worden sind und teilweise einige die durch das Alter und erträglichkeit ihrer Seite zu SEOs gemacht wurden. Durch Linkdeals sind da auch ordentlich trusted links drauf.
    Z.B. *URL entfernt – kein Fingerzeig* – Die Seite “sieht” zwar schlecht aus aber ich glaube nicht dass hier Google zwischen Not und Elend unterscheided.

    Evtl. meinte Julian auch eher die Nischen-Keyworddomain-Affiliates, wo man dann dank Konkurrenzlosigkeit mal eben einen 10-Seiter mit 20 Backlinks auf #1 befördern kann.

  • Hey, super Aufteilung. Ich finde ein Beispiel für ein Trust Markt ist “Arbeitsschutz”. Erst denkt man es ist ein Loser Markt weil kaum jemand SEO zu machen scheint und dann stellt man fest, dass es schwer ist gegen den Trust aller Behörden und Berufsgenossenschaften Websites anzukommen.

  • Eine tolle Markt-Typologie! mit ein paar konkreten Beispielen wäre der Beitrag noch besser! VG christoph

  • Tolle post!
    Das kann man nur schreiben wenn es schon ein paar Jahren im Markt ist ;)
    Hier im Brasilien sehe ich dass es so einige posts noch nicht gibt..

  • Hallo Herr Dziki,

    es wird ja immer schwerer im Internet-Dschungel, gute Positionen zu erreichen, da die User immer mehr werden und dementsprechend die Konkurrenz immer größer. Umso wichtiger ist SEO, das habe ich leider auch etwas spät gemerkt. Dieses Gebiet ist aber inzwischen so interessant für mich geworden und es fasziniert mich mehr und mehr.

    Ihr Artikel und Ihre Aufteilung in die einzelnen Gruppen ist sehr schlüssig und der Markt sehr gut beschrieben.

    Danke und herzliche Grüße
    Beatrice Fischer-Stracke

  • Die vorgeschlagene Platzhirsch-Strategie – “heimlich vorbeischleichen” – scheint mir schwer umsetzbar ( wenn sich das Mitbewerber-Unternehmen nicht komplett im SEO-Tiefschlaf befindet). Eine Variante wäre meines Erachtens – erst in Longtail-Keywords investieren, bei diesen die Konkurrenz überrunden und aus dieser Position auf das Hauptkeyword “umschwenken”…

  • Das mit der alten Seite und viel Trust hab ich auch schon einmal erlebt. Wie Christoph Cemper schon sagt, wären ein paar Beispiele nicht schlecht.

    Andreas

  • Ich finde solche Ansichten sehr interessant. Mir fehlt hier noch der Trend- Hype- bzw. Neuer-Markt wie z.B. der aktuelle TabletPC und Smartphone Markt. Meines Erachtens ein sehr lukrativer aber sehr schneller und sehr umkämpfter Markt. Hier ist dann wohl Flexibilität und schnelle Reaktionsfähigkeit sehr wichtig.

  • Mir fehlen hier leider auch die konkreten Beispiele. Eine Einstufung der Märkte nach Umsatzpotenzial wäre noch interessant. Ansonsten ein sehr guter Beitrag.

  • Hatte neulich auch einen Kunden, der ein paar 3 Wort-Suchbegriffe für sich einnehmen wollte. Sah auf den ersten Blick recht einfach aus. Letztenendes handelte es sich dabei aber um Seiten, die ewige Jahre bestehen und bestens bei Wikipedia und größeren Zeitungen verlinkt sind.

    Letztenendes helfen nur zwei Dinge: kontinuierlich mehr Links aufbauen und wie T. Fischer schon sagt auf den Longtail setzen.

  • Der Affiliate Bereich kommt mir bekannt vor, bei der ein oder anderen Seite von mir würde dir beim anschauen der Backlinks sicherlich auch übel werden.

    Der Mehrwert ist dass was den meisten (und auch mir) noch fehlt, meistens habe ich nur 3-10 Seiten drauf, aber dass werde ich gleich mal auf meine To-Do Liste schreiben und in Angriff nehmen…

  • Sehr gute Marktaufstellung. Ich frage mich aber, wer die Geduld hat, sich in einen HP-Markt hochzukämpfen. Da muss man ja etabliertes Unternehmen sein und einen neuen Geschäftszweig aufbauen wollen oder man braucht einen VC.
    Das erste Jahr heisst es doch sonst nur rienbuttern und nichts verdienen oder?

  • Der Nutzen dieser Einteilung liegt meines Erachtens darin, je nach Größe und Leistungsfähigkeit des eigenen Unternehmens die passenden Kunden auswählen zu können. Gerade die Teilnehmer aus der Gruppe “Loser-Markt” dürften für kleine SEO-Anbieter interessant sein, wohingegen der High-End-Markt den Großen vorbehalten sien dürfte.

  • Das erreichen der Top 10 in google wird als Neuling immer schwieriger. Gute SEO zu finden ist allerdings ebenfalls so schwer. Die ganze SEO Geschichte beruth auf viel gegenseitiges Vertrauen. ICh hatte schon mal eine firma die Utopische versprechung gegeben hatte und damals bin ich auch noch drauf reingefallen. Aber heute sehe ich das ganze doch schon realistischer. Der Beitrag oben zeigt die ganze Geschichte doch recht gut auf.

  • Mich würde mal interessieren(als relativen Anfänger), inwieweit der Wettbewerbsindikator des Google Keyword-Tools hierfür relevant ist, bzw. wie er die verschiedenen Märkte widerspiegelt.

  • Julian

    Hallo Hansi,

    Der Wettbewerbsindikator bezieht sich auf Google Adwords. Ein wenig relevant ist er schon, aber manchmal ist er auch völlig falsch. Ich würde ihn nicht beachten.

  • Guter Artikel, der die verschiedenen Konkurrenzsituationen beschreibt, denen man begegnen kann.

    Leider ist es oft so, dass Kunden sich die ganze Optimiererei zu einfach vorstellen. Es ist eben nicht möglich, einen Kunden innerhalb von ein paar Wochen nach oben zu bringen, wenn in den letzten fünf Jahren nie eine Optimierung betrieben worden ist – und die ganze Konkurrenz nicht gerade im Dornröschenschlaf lag, sondern regelmäßige Pflege betrieben hat.

    Das muss man dann erst mal genau erklären und den Kunden um Geduld bitten.

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