Interview mit Randolf Jorberg

24. März 2009  |   Allgemein  |  8 Kommentare
Ein Beitrag von Julian Dziki

Randolf Jorberg, Gründer von Gulli.com und Inhaber der Fliks GmbH gehört zu den erfahrensten deutschen Internet-Unternehmern und ist schlichtweg eine lebende Legende im Internet. Ich selbst kenne das Gulli-Board noch aus der Zeit, als ich noch ins Internet-Café gehen musste um mit ISDN online zu sein. Gulli gehört zu den trafficstärksten deutschsprachigen Internetseiten und ist in der Liste wohl eine der wenigen, die nicht der “Anzugträger-Ecke” zuzuordnen ist.

Randolf Jorberg
Randolf Jorberg

Nachdem er letztes Jahr Gulli.com verkauft hatte, zog Randolf nach Kapstadt und neben seiner Firma Fliks leitet er seitdem von dort aus viele Internetprojekte, auch in Südafrika (z.B: www.weather.co.za).

Hattest du vorher schon Webprojekte oder war Gulli absolut das erste
Projekt von dir?

Meine allerersten Gehversuche habe ich 1997 mit einem Homepagebaukasten mit einer obskuren Mischung aus – damals üblicher -
privater Homepage und Politik / Underground-Inhalten gestartet aus der sich dann Anfang 1998 die Homepage der Antifa Eckernförde (die es
schon 1999 zu einer lobenden Erwähnung im Verfassungschutzbericht brachte) und eben gullisWorld im November 1998 entwickelt haben.

Du bist seit 1996 im Netz unterwegs. Wie würdest du das Internet damals beschreiben? Was hat sich im Internet geändert?

Es wäre wohl einfacher zu erklären, was sich NICHT geändert hat. Aus einem großen Chaos haben sich immer mehr Strukturen und Standards
entwickelt, die zum einen die Arbeit enorm vereinfachen, andererseits aber auch die Arbeit am/im Medium Internet langweilig werden lassen,
da es weniger um Erfindungsreichtung und Originalität, sondern nur noch um die Kombination und effiziente Ausführung zunehmend langweiliger werdender standardisierter Arbeitsvorgänge geht. Diese einziehende Langeweile ist wohl auch Grund für mich hier in Südafrika nochmal von Null zu beginnen. Ein ernstgemeinter Lesetipp zur damaligen Zeit ist übrigens das Buch “gulli wars” ISBN: 3837042944 PDF-Download in dem viele der Veränderungen und der Werdegang der deutschsprachigen Szene beschrieben wird. Zufälligerweise wird mein Name sogar als Autor auf dem Titel erwähnt…

Du warst ja sehr lange der Betreiber eines der größten deutschen Foren, betreibst ja immer noch Macnotes.de und wahrscheinlich Dutzende anderer Foren. Wie hat sich der Forenuser bzw. Internetuser in Deutschland geändert?

Ca. 3 Monate nach Start des gulliboards wurden Beschwerden der User laut, dass die Registrierung geschlossen werden müsse, damit die dummen Neuankömmlinge nicht das Niveau nach unten ziehen. Ginge es um die Userperspektive, wäre der IQ in Communities also in einer unendlichen Abwärtsspirale gefangen. Ist aber nicht so und daher ändern sich nur die gerade angesagten Rechtschreibfehler, aber nicht die grundsätzlichen Probleme in den Online-Communities. Sie bleiben Austauschpunkt für das unerschöpfliche Wissen ihrer Mitglieder und daher ist eine lebendige Netzgemeinschaft mit engagierten und interessierten Nutzern auch heute noch eine der besten Anlaufstellen, die man zu einem Thema finden kann. Das Netz entwickelt sich weiter, aber Communities werden – egal in welcher Medienform sie sich ausdrücken – nicht nur für Fliks immer ein wichtiges Thema sein.

Sicherlich kennst du noch viele Leute aus der damaligen Zeit. Sind alle, die damals bereits im Netz unterwegs waren heute erfolgreich oder gab es viele “Abstürzer” und Aussteiger?

Einige Szenewebmaster von damals sind heute Vorstandsvorsitzende hochseriöser Internet-AGs, andere habe ich komplett aus den Augen verloren, weil sie sich wohl weitestgehend erfolglos aus dem Internet verabschiedet haben, während wieder andere sich damals gesundgestoßen haben und neben ihrem Frührentnerdasein nur noch ein paar Euro mit ein
paar Projekten erlösen.

Momentan bist du in Kapstadt unterwegs und gehst auch in Sachen Internet in den südafrikanischen Markt. Werden andere Länder wie Südafrika oder China von SEOs deiner Meinung nach vernachlässigt?

Wer SEO als rein technische Disziplin versteht, könnte sicherlich in der ein oder anderen Nische in den emerging markets der Schwellenländer kurzfristig Erfolg haben. Für nachhaltigen Erfolg wird er ohne Kenntnis der Besonderheiten und Schwierigkeiten vor Ort mit zahlreichen unerwarteten Problemen zu kämpfen haben. SEO ist für mich aber schon immer nur EIN Bestandteil für einen gesunden Markenaufbau gewesen, da es mir nicht um x Besucher mehr am Tag geht, sondern die langfristige Schaffung neuer Marken geht. Würden mich nur die schnellen Erlöse interessieren, würde ich wohl nur noch Amazon Astores und Viagrashops in den SERPs nach oben pushen.

Was würdest du einem „Neu-Seo“ bzw. Webseitenbetreiber raten, der jetzt erst in das Internet-Geschäft einsteigt?

RTFM – ohne umfassende Kenntnisse und den Hunger viel zu lernen und sich die Nächte um die Ohren zu schlagen, wird man es wohl nur in der Agenturwelt zu etwas bringen… Auf alle Fälle musst du eine echte Leidenschaft von dir zum Thema einer coolen Webseite zu machen und eine Seite bauen, die du im aktuellen Internet vermißt!

Planst du auch etwas Neues in Deutschland?

Nicht zwangsläufig etwas komplett Neues, da ich davon ausgehe, dass die aktuelle Krise enorme Gelegenheiten für diejenigen bereithält, die mit gesunden Reserven und Kompetenzen versehen sind und schnell reagieren können.

Was macht deine Firma Fliks?

Wir konzipieren, entwickeln und vermarkten special interest B2C Internetportale. Das mittlerweile 13köpfige Team, dass für Aufbau und Erfolg des Portals gulli.com veranwortlich war, wird in Zukunft beweisen, dass wir nicht nur Macnotes.de und 3Gstore.de, sondern noch andere große Portale meistern können… Die Fähigkeit mit vergleichsweise geringen Mitteln verdammt viele Besucher (insgesamt bis zu 600.000 unique visits und 8 Mio Pageviews am Tag!) zu erreichen, hat uns einen einmaligen Erfahrungsschatz gegeben, aus dem
wir noch lange zehren werden.

Jetzt aber Ende der Werbestrecke und danke für die Gelegenheit zur Selbstdarstellung :-)

Wann bist du mal wieder in Deutschland?

Ich bin niemals ganz weg, dank Internettechnologie (Skype, VoIP) immer erreichbar für das Team in Bochum und will die südafrikanische Wintersaison (Mai-August) lieber im deutschen Sommer verbringen, weshalb ich spätestens zur Abakus Pubkon wieder zurück unter heimischer Sonne bin.

Danke für das Interview Randolf!

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Über den Autor

Julian Dziki ist SEO, Online Marketer und Affiliate seit 2007. Suchmaschinenoptimierung München

8 Kommentare

  • Ich bin zwar nicht vom Fach, aber ein interessantes Interview.

  • Johannes

    Ich bin vom Fach und find das Interview auch gut :-)

  • Sehr interessantes Interview. Alles Gute Dir in Kapstadt, Randolf.

  • Ja, gutes Interview. Was mir besonders gefallen hat, war die Aussage, dass es leichter ist zu beschreiben, was sich seit 1996 nicht geändert hat…

    … da ist wohl was Wahres dahinter. Allein die Usergruppe hat sich stark geändert, durch die veränderte Zugangsmölichkeiten…

    … und wer weiß, vielleicht sagen wir in 10 Jahren dasselbe über das Internet im Jahr 2009!

  • Schönes Interview — interessant vor allem die Hintergründe, wie es damals alles los ging :-) Unvorstellbar heute…
    Grüße nach South Africa – haste schon Tix für die WM ergattert? ;-)

  • Randolf

    Danke für das gute Feedback. WM-Tickets sind reserviert, Quartier ist vorbereitet; im Mai Gehts aber erstmal wieder ins ‘Winterquartier’ in Bochum zurück…

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