Internet Investoren
Es wird kurz vor Neujahr Zeit, einmal ein wenig über Investments im Netz zu reden.
Geld gegen Beteiligung
Wenn man etwas Großes im Internet plant, braucht man meist Geld. Weil man das Geld oft nicht selbst hat, geht man zur Bank und fragt nach einem Kredit. Im Gespräch erklärt man dem Bankangestellten dann, dass das Geld für das Internet ist. Der Kreditentscheider sieht den meist 20-25 Jährigen “Fast-Fertig-Studenten” schief an, lacht ihn aus und schickt ihn anschließend ohne Geld nach Hause. Nicht so bei Investoren: Sie geben euch Geld, sogar ohne Kredit – wollen dafür aber eine Beteiligung an eurer Firma.
Im Gegenzug helfen euch Investoren mit ihrem Fachwissen. Die andere Seite der Medaille ist, dass sie euch (je nach Investor mehr oder weniger) unter Umständen enorm in die Geschäftsführung reinreden. Ist ja auch klar: Ihr arbeitet mit ihrem Geld. Dieses “Reinreden” kann förderlich sein – oder eben nicht. Investoren sind eine prima Möglichkeit um Geld für eine große Sache zu bekommen, aber (!!!) man sollte immer bedenken, dass man neben diversen Vorteilen auch enorme Nachteile haben kann. Soviel zur Theorie eines Investments im Netz. Jetzt kommt ein kleines Fallbeispiel, das natürlich stark übertrieben wurde.
Die typische Crash-Situation
Der BWL-Student Harry hört im letzten Semester in einer Vorlesung die Wörter “Businessplan” und “Investor” in Kombination mit “schnell reich werden”. Er will nach dem Studium nicht unbedingt normal arbeiten und lieber sein eigenes Ding machen. Harry setzt sich also mit seinen Saufkumpanen einen Monat zusammen, entwickelt eine Idee für eine total coole Web 2.0 Community und hat am Ende einen fertigen Businessplan für ein Internetunternehmen. Mit diesem Wisch marschiert er nun zu Leuten mit Geld, die schon gehört haben dass man mit Internet viel Geld verdienen kann.
Diese Investoren und Harry kennen ja viele Beispiele von Firmen, die richtig viel Asche im Internet machen. Die Investoren wollen Kohle machen, Harry und seine Freunde genauso. Also bekommt Harry ein Startkapital von 5 Millionen Euro und macht sich munter an die Arbeit. Das Ziel: Eine total tolle Community mit unglaublich vielen Features, neuen Ideen und vielen Full-Size Werbeflächen, mit denen sie irre viel Geld verdienen werden.
Wie erstellt man eine Webseite?
Blöd nur, dass weder Investoren noch Gründer wissen wie man eine Webseite erstellt. Also holt man sich eine möglichst fetzige Full-Service Internetagentur, eine Presseagentur, fünf Programmierer, 80.000 Praktikanten und einen Hund fürs Büro, weil “wir ja ein junges und dynamisches Team sind”. Nachdem der Webauftritt für 2 Millionen Euro fertiggestellt wurde, schaltet man TKP-Werbung, lässt Flyer verteilen und die PR-Agentur schreibt Pressemitteilungen dass die Tasten glühen. Was SEO oder SEM ist, weiß Harry nicht und von daher wird in dieser Richtung auch nichts gemacht.
Nach einem Monat hat man bereits rund 100.000 User pro Tag. Die Server sind vollkommen überlastet und natürlich sind die Werbeflächen für einen TKP von 80 Euro vollkommen ausgebucht. Harry und seine Freunde haben jetzt alle einen Ferrari und die Investoren sind auch glücklich.
Wer?-bung
Nach zwei Monaten kündigt der Hauptsponsor alle seine Anzeigen. Er behauptet, dass bei 10 Milliarden Pageviews lediglich 23 Personen auf die Banner geklickt hätten und es sich daher nicht lohnen würde. Der Branding Effekt sei auch nicht so wirklich eingetreten. Also ruft Harry die anderen Interessenten an, die aber auch schon von der schlechten Performance von Werbung in Communities gehört haben und wegen der Finanzkrise lieber auf SEO und SEM setzen.
Harry findet letztlich dann doch noch einen Sponsor. Er will aber statt 80 Euro nur noch 80 Cent TKP bezahlen. Das macht die Investoren ganz schön sauer. Sie wissen aber, dass Harry nichts dafür kann, weil sie noch in 35 andere Web 2.0 Communites investiert haben und alle das gleiche Problem haben. Also ziehen die Investoren ihr Geld zurück und verkaufen ihre Anteile an der Community für zwei Kilo Salami an einen Internetunternehmer, der mit seinen Anteilen Viagra-Links auf der Startseite der Community durchsetzt.
Harry und seine Kumpels verkaufen ihre Ferraris und steigen aus der Community aus. In zwei Jahren mit jeden Tag 16 Stunden harter Arbeit hat Harry insgesamt 16 Euro fuffzig verdient – nicht gerade viel. Die Full-Service Internetagentur ist mittlerweile eine Aktiengesellschaft, die Programmierer haben die Serverlast nicht mehr ausgehalten und sind ausgewandert. Jeder der 80.000 Praktikanten hat mittlerweile einen festen und gutbezahlten Job. Einer seiner ehemaligen Praktikanten vermittelt Harry einen Job bei einer Werbeagentur. Harry verdient nicht wirklich viel, aber zum Leben reicht es gerade so.
Nach kurzer Zeit hört Harry von seinem Kumpel Klaus, der vor zwei Jahren einen Online Shop für Strickjacken eröffnet hat. Mittlerweile hat Klaus 5 Mitarbeiter und verkauft über SEO und SEM rund 2.000 Jacken am Tag. Das Geld für die ersten Produkte hatte er sich von seiner Bank geholt. Dem Bankangestellten hatte er gesagt, dass er einen Laden aufmachen will und das Wort “Online” und “Internet” schön weggelassen. Investoren findet Klaus nicht toll: “Wenn ICH was mach, dann will ICH auch das Geld haben” ist seine Devise. Klaus hat übrigens schon zwei Ferraris. Werbeflächen will Klaus nicht verkaufen. Seine Strickjacken laufen konstant gut und wenn es kalt ist kaufen die Leute das Zeug in Massen.
Mal im Ernst
Investments sind keine schlechte Sache obwohl ich niemals einen Investor haben wollen würde, weil ich einfach ungern teile.
Wenn jemand wirklich eine tolle Idee hat, dann kann man natürlich viel Geld daraus schlagen. Es gibt wirklich tolle Investoren (die auch nur in gute Projekte investieren) und wirklich fähige und kompetente Gründer mit nützlichen und guten Projekten!
Viele Ideen sind allerdings derart bescheiden und von Leuten gemacht, die absolut keine Ahnung von Abläufen im Internet haben. Ich mache kein Restaurant auf, wenn ich mich in der Gastronomie nicht auskenne. Ich werde kein Gärtner, wenn ich nicht weiß welche Pflanzen man wo und wann anpflanzen kann. Und ich mache kein Internetportal, wenn ich keine Ahnung von der Branche habe.
Gott sei Dank sind auch Investoren jetzt vorsichtiger geworden und es gibt weniger Totgeburten im Netz. So ganz hat es freilich nicht aufgehört. Wenn ich als Gründer von 5 Investoren abgelehnt werde, dann sollte ich einmal überlegen ob meine Idee wirklich so toll ist, auch wenn der sechste Investor mir die Kohle geben würde. Und generell sollte man immer mit geliehenem Geld vorsichtig sein – ob jetzt auf Kredit oder vom Investor: Nur ausgeben, wenn es sich lohnt!
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16 Responses to Internet Investoren
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Hast Du bisschen Kohle locker? Ich habe da eine ganz tolle Idee für ein Portal, wo Leute Geschichten veröffentlichen können. Businessplan kommt gleich per e-Mail. Bis später ^^
Naja ich denke Harry war einfach zu übermütig und so schnell kann es gehen. Ich denke ohne eine Top Idee ist man verloren und viele Investoren sind nicht mehr doof und wissen welche Ideen angenommen werden.
Ich denke wenn 2 Investoren schon NEIN sagen dann sollte man sich ganz genau überlegen ob das alles so gut ist und ob das überhaupt monetarisierbar ist.
Investoren sind nichts blödes. Doch dann lieber den Weg wie Klaus einschlagen er hat alles richtig gemacht. Auch wenn man den Kredit vielleicht nicht umbedingt braucht wenn man es anders anstellt.
Wirklich schöne Geschichte… sprichst mir fast schon aus der Seele
Mein Fazit: Investoren sind bad and evil
was für eine zeitverschwendung. bedankt.
@ Benni: Ich arbeite grundsätzlich allein. Wenn ich investiere, dann in “mich”.
@ Bernd: Deinen Kommentar willst du nicht näher erläutern, oder doch?
“Nach kurzer hört Harry von seinem Kumpel Klaus”
da fehlt doch was?
“Ich mache kein Restaurant auf, wenn ich mich in der Gastronomie nicht auskenne.”
Kann man so pauschal nicht sagen. Ich investiere nur dann in ein Restaurant, wenn mir die Idee und der Geschäftsführer kompetent vorkommt. Ich muss mich nicht in der Gastronomie, sondern derjenige, der das Geld haben will. Natürlich muss ich mich mit Betriebswirtschaft schon ein wenig auseinander setzen. Das Risiko bleibt natürlich, kann jedoch durch gute Vorüberlegungen und Recherchen eingedämmt werden.
Danke für den Hinweis. Ich meinte das mit den Restaurants auch eher in Bezug auf die Geschäftsführer, nicht die Investoren.
okay. Dann habe ich dich falsch verstanden.
Wei schön den Tag mit einem Schmunzeln zu beginnen.
Liebe Grüße
Tom
Das hört sich verdammt nach HarryVZ an
Moin,
erst mal sind VC oder BA Gelder wohl die teuerste Art der Finanzierung, da da wirklich ein sehr großes Stück des Kuchens auf einen anderen Tisch geht
Aber umgekehrt kann man es auch so begründen, dass ich lieber 1% von 100Mio habe als 100% der Klitsche mit der ich mich während des Studiums über Wasser gehalten habe.
Übrigens hab ich auch eine Bar aufgemacht ohne jemals auf der anderen Seite des Tresens gestanden zu sein und das auch noch in einem steinzeitkommunistischen Land wie der VR China
Sie läuft.
Viele Grüße und danke für die nette Zeitverschwendung,
Sven
Vielen Dank -> wie immer gut getroffen deine Geschichte
Guten Rutsch!
Man sollte ganz genau überlegen, ob man selbst organisch wachsen will, oder lieber schnell. Wenn man gleich zu Beginn eine sechs/siebenstellige Summe zur Verfügung hat und auch etwas auf dem Kasten hat, dann bedeutet das, dass man die Ziele innerhalb viel kürzerer Zeit realisieren kann. Allerdings kann auch das problematisch sein, weil man viel schneller auf Probleme reagieren muss und das Wachstum evtl. zu schnell vonstatten geht, ohne richtig darauf reagieren zu können. Ich bin eher ein Freund von organischem Wachstum, hier passieren eher weniger Fehler und man “verspekuliert” sich nicht so leicht.
hast du das aus dem abakus forum, mit den viagra links? mir hat dort nämlich letzt tatsächlich jmd. links angeboten von einer community mit viagra links auf der startseite
wirklich sehr gut beschrieben. für mich stellt sich bei der Durchsicht von Geschäftsmodellen immer die Frage, an welcher Stelle und wie komme ich an das Geld der Kunden? Ist der Kunde überhaupt bereit, für meine Produkte oder Dienstleistung einen Obolus zu entrichten? Ist für mein Produkt oder Dienstleistung überhaupt ein Markt vorhanden? diese Frage sollten sich alle Gründer stellen, realistisch starten und organisch wachsen.Und von Anfang an auf SEO und SEM setzen!
Eine Website in´s Leben zu rufen ist eine Sache, aber dann auch Erfolg – im Idealfall Geld zu verdienen eine andere.
Man investiert in Linkaufbau, bettelt um Backlinks – mach Onpage Offpage alles mögliche und wenn denn die ersten besucher kommen , die Suchmaschienen Optimierung greift – dann meckern der Werbekunden….
Hartes Geschäft und so ungerecht