Die Uni brennt
Endlich passiert einmal etwas an den deutschen Hochschulen. Seit Mittwoch Abend ist das Audi-Max der Uni München besetzt, an vielen anderen deutschen Universitäten sieht es ähnlich aus. Der Grund: Kürzungen bei der Bildung – wo man nur hinsieht. Ich persönlich versuche mal aus meiner Perspektive zu schildern, wie sich das auswirkt.
Bachelor: Richtig miese Ausbildung
Mit unserer Bildung wird wie mit einem Produkt umgegangen. Man darf mich nicht falsch verstehen: Ich bin im Allgemeinen überhaupt kein Anti-Kapitalist, aber wenn bestimmte Schranken fallen, dann muss man einfach mal unbequem werden. Die Einführung des Bachelor war eine reine Rechenleistung der Politik: Statt 5 oder 6 Jahren Diplom bzw. Magister wird in Zukunft nur noch 3 Jahre studiert.
Dass so etwas viel günstiger ist, dafür muss man nicht groß rechnen. Nur, was produziert man mit einem solchen Studium?
Der Vorteil des Diploms und insbesondere des Magisters war, dass man sich das Studium selbst einteilen konnte. Man hatte innerhalb des Grundstudiums (4 Semester) eine bestimmte Anzahl an Lehrveranstaltungen zu besuchen, der Rest war freiwillig. Dabei war das Studium so ausgelegt, dass man immer noch Zeit für fachübergreifende Veranstaltungen hatte. Ich studiere Geschichte und Archäologie, habe aber z.B: vier Semester lang an der Uni Chinesisch gelernt. Eine Freiheit, die man aufgrund des Bachelor-Studiums nicht mehr hat.
Mein Stundenplan ist frei definierbar. So kann ich in einem Semester sehr viele Veranstaltungen besuchen, in einem anderen sehr wenige, damit ich Zeit für andere Dinge (z.B: meine Selbstständigkeit) habe. Ausnahmslos alle geisteswissenschaftlichen Kommilitonen von mir, die schon weiter in ihrem Studium sind, haben sich daher mittlerweile ein Steckenpferd außerhalb ihres Faches zugelegt und werden wohl eher damit Erfolg haben, als mit ihrem Studium. So sind andere Historiker bei einer großen deutschen Versicherung gelandet, ein Politkwissenschaftler ist Consultant bei einer angesehen Consulting Firma und eine Literaturwissenschaftlerin leitet mittlerweile ein eigenes Ressort bei einem Radiosender. Wir sind also keineswegs alle nach dem Studium arbeitslos.
Soft Skills und Schlüsselqualifikationen
Ohne mein Studium in Geschichte würde meine Firma heute nicht dort stehen, wo sie ist. Natürlich kann ich nichts mit dem Wissen über die römische Stadt der Kaiserzeit oder über Ludwig den XIV. direkt anfangen. Aber in den Seminaren, Übungen und Vorlesungen habe ich neben dem (auch für das Studium recht nutzlosen) Fachwissen vor allem gelernt, Prozesse zu analysieren, Strukturen zu erkennen und unter Umständen auch Entwicklungen vorhersagen zu können.
Auch die Quellenanalyse ist hilfreich: Kann man diesem römischen Autor trauen? Was hat er für einen (Bildungs-, sozialen, etc.) Hintergrund? Ist er unter Umständen parteiisch und generell gegen den Kaiser? Wie ist seine Position gegenüber anderen Dingen? Existieren von ihm definitive Falschaussagen, irrt er sich oft? Genau diese Quellenanalyse wende ich auch auf SEO-Blogs an und filtere dadurch wichtige Informationen von unnötigen oder gar falschen Hinweisen. Ebenso verhalte ich mich in persönlichen Gesprächen und glaube nicht jedem sofort alles.
Genauso läuft es im Studium. Am Anfang des Semesters besuche ich eigentlich immer unnötig viele Lehrveranstaltungen. Nach ein oder zwei Veranstaltungen kann ich dann oft sehr genau sagen, ob ich mit diesem Dozenten arbeiten will und die unnötigen Seminare, bzw. diejenigen bei schlechten Dozenten werden als Ballast über Bord geworfen. Die Studienorganisation ist unglaublich wichtig und man lernt sehr viel dabei. Wie ich mir mein Studium organisiere, so tue ich das auch mit meiner Arbeitszeit und der meiner Mitarbeiter. Ich denke, dass ich da in mancher Hinsicht auch fortschrittlichere Methoden verwende als so mancher BWLer.
Bachelor
Ein Bachelor Student hat alle diese Möglichkeiten nicht. Er hat einen festen Stundenplan, wie in der Schule und so gut wie keinen Gestaltungsfreiraum. Erstes Semester Modul 1, zweites Semester Modul zwei.
Im Bild links sieht man recht gut diese Module. Für jedes bekommt man Punkte, und am Ende wird alles hübsch zusammengerechnet und man hat seine Endnote (mit Prüfung und Bachelorarbeit).
Die Phrase “Empfohlener Aufbau” auf diesem Zettel ist allerdings ein Witz. Wer nicht genau so die Module belegt, der studiert mindestens ein Semester länger. Während ich also nach meinen Vorlieben wählen kann (etwa lieber die römische Kaiserzeit als die Spätantike) und mich so spezialisiere, haben Bachelorstudenten nur die Wahl ob sie Einführung in die Alte, Mittlere oder Neue Geschichte wählen.
Was für ein Mist (entschuldigung, aber ist wahr) ist bitte eine Vorlesung “Antike im Überblick” bzw. “Mittelalter im Überblick”?? Im Geschichtsstudium soll man lernen, ein einzelnes, sehr eng abgestecktes Thema zu bearbeiten. Diese Vorlesungen haben für mich den Spitznamen “Bachelor-Abstellgleis” bekommen – weil sie eben ein solches sind.
Eine Prüfung über “Die Antike” gab es bei mir als zusätzliche Prüfung, die man aber bestehen musste. Ob man den Kurs dazu besuchte oder nicht, war jedem freigestellt. Ich arbeite zu Hause um einiges effizienter, daher besuchte ich den Kurs nicht und bestand trotzdem die Prüfung. Ein Bachelorstudent hätte diese Wahl nicht – sie haben so gut wie immer Anwesenheitspflicht, auch in Vorlesungen.
Was ist denn der Unterschied zwischen Studium und Schule? Die Freiheit, dass man sich mit dem beschäftigt worin man gut ist! Ein Bachelorstudent hat gar nicht mehr die Zeit ausserhalb seiner Veranstaltungen ein Buch aus reinem Interesse zu lesen. Ich habe bei mir daheim immer mindestens 3 Bücher, die ich parallel lese. Momentan drei Einführungsbücher über die Archäologie, eines über die Wikinger und ein anderes über Karthago. Pflicht ist nur eines von den drei Archäologie Büchern – den Rest lese ich aus reinem Interesse und um andere Meinungen zu hören.
Kurzum
Ich habe in den Jahren an der Uni mittlerweile ein sehr effizientes Arbeitssystem entwickelt, dass ich immer mehr verfeinere. Daher schaffe ich – sowohl in der Uni, wie auch im Geschäftsleben teilweise ein Vielfaches davon, was ich ohne diesen Lernprozess früher geschafft habe. Meinen Mitbewerbern in Sachen SEO habe ich zumindest diese Tatsache meistens vorraus, weshalb ich kostengünstiger arbeiten kann.
Beim Bachelor Studium geht es nur darum, die Studenten so schnell wie möglich aus der Uni zu bekommen. Dass diese dann überhaupt nicht auf den Arbeitsmarkt vorbereitet und ZUM SCHREIEN UNSELBSTÄNDIG sind, weil sie nur ihren Stundenplan abgearbeitet haben, das interessiert die meisten nicht.
Und SO JEMANDEN würde ich direkt aus meiner demokratischen Partei hinauswerfen. Öffentlich zur Zerstörung von Sacheigentum auffordern – wo sind wir denn??? Hier das Zitat von Daniel A. Kalusa, in einer Facebook Gruppe. Er ist Ortsvorsitzender der Jungen Union Hadern.
“Ich werde morgen vormittag mit mehreren BWLern und VWLern diesem dummen treiben ein Ende setzen. Wir werden die Aktion sabotieren, plakate/banner entfernen/zerschneiden mit megafonen des sinnlose gequatsche stören. bitte macht mit, nehmt scheren mit um die banner kaputt zu machen ab ca halb 11… im lichthof. bitte nur banner kaputt machen und keine gewalt, die sollen wenns überhaupt eskalieren muss die ersten sein die zuschlagen, fernsehn, presse ist alles mit am start
”
Mehr muss man nicht sagen.
Ich weiß, dass dieser Beitrag nicht unbedingt relevant für einen SEO-Blog ist – aber ich musste mir das einmal von der Seele schreiben.
Einer der letzten Magister-Studenten in München
Keine verwandten Artikel.
10 Responses to Die Uni brennt
Hinterlasse eine Antwort Antworten abbrechen
Ähnliche Beiträge zum Thema
Keine ähnlichen Artikel gefunden.
Seokratie abonnieren
Freunde
Sistrix Toolbox Video


Über den Autor:

Seokratie abonnieren







Auch wenn der Beitrag nur SEO streift finde ich es doch sehr interessant. Und eine effektive Arbeitsweise kann ich nur empfehlen.
Als Bachelorstudent der Dualen Hochzschule muss ich dir leider recht geben. Man hat KEINE Flexibilität. So wie die Leute miteinander umgegangen sind, kann man auch nicht gerade von Soft Skills reden. Und wenn ich mich jetzt irgendwo bewerbe, dann wird mir sogar gesagt, ich hätte ja nicht einmal ein akademisches Studium. Na super.
hallo, ich bekomme das ja nur am Rande mit, in der CH gibt es ja auch Proteste, jedenfalls finde ich off-topics zwischendurch gut, wie beim Marco, macht sympathisch… Gruss, Roman
Bin Bachelor Student UND selbststaendig? Zum Schreien, nich
Allerdings gebe ich Dir schon recht. Viele sind nach dem Bachelor nicht fit fuer die Arbeitswelt. Bin gespannt wie sich das entwickelt.
Da muss ich dir leider zustimmen. Meine Freundin studiert VWL und hat nur stress den ganzen Stoff in den 3 Jahren Reinzubekommen. Diese Unflexibilität gibt’s in einem gewissen (geringen) Maße. Sie kann sich die Kurse selber legen (mehrere mal die Woche sind die selben Kurse) aber der Stundenplan ist so vollgestopft, dass wenn sie nun 1 oder 2 Kurse mal nicht belegt nirgends mal nen Puffer hat die nachzuholen….
Ich studiere an der Fern Uni Hagen und bin von meinem Studium auch nicht so begeistert (liegt auch teilweise am super veralteten Uni Material) und nun sollen dort auch noch Studiengebühren eingeführt werden, obwohl wir fast niemals die Uni von innen sehen werden…na gut das ist ein etwas anderes Thema, aber trotzdem auch ärgerlich!
Was nervt und auch alles andere als Flexibel ist, sind die sogenannten Einsendeaufgaben. Mitten im Semester müssen wir diese zuschicken (an vorgegebenen Terminen), sonst werden wir nicht zu den Prüfungen zugelassen. Sprich eine Einteilung des Studienmaterials wie ich’s mir gern wünschen würde ist nicht möglich, da mir ja die Termine vorgegeben werden.
Alles in allem fand ich die Erzählungen von bekannten die noch auf Diplom studiert haben wirklich reizvoll, vor allem haben fast alle mal 1 Semester ausgesetzt und was anderes studiert, eine Freiheit die heute kaum noch einer hat und wenn, muss man es sich auch noch leisten können.
Meiner Meinung nach nimmt unsere „neue“ Bildungspolitik den Studenten jegliche Lust und jegliches Interesse auf ein Studium.
Hi Julian,
kenn ja persönlich die Diplom / Magister Studiengänge auch nur aus erzählungen, dafür den Bachelor ja mittlerweile aus eigener Erfahrung.
Auch wenns bei mir jetzt geht( hab wohl glück gehabt) ham die meisten meiner Freunde total volle Stundenpläne.. Anwesenheitspflicht zwar nur ca. zur Hälfte.
Denke dass früher Studieren trotzdem deutlich angenehmer und auch selbstständiger war.
Gruß Xandi
PS: Morgen ist ja Bildungsstreik: http://www.bildungsstreik-muenchen.de/
Schöner Beitrag. Was den Bachelor-Studiengang angeht, kann ich dir nur beipflichten. Ich studiere jetzt im dritten Semester Philosophie und Germanistik in Köln und bereue es fast jeden Tag, dass ich zu spät dran war, um noch auf Magister zu studieren. Vor allem im Bereich der Philosophie steht das verschulte und zwangsmodularisierte Bachelor-System dem Fach widersprüchlich gegenüber. War es früher noch möglich dank der Freiheiten einen Aspekt oder Bereich des Fachs besondere Aufmerksamkeit zu widmen und andere Aspekte dafür nur am Rande abzuhandeln, so steckt man heute in einem strikten Stundenplan und bekommt von allem ein wenig, aber von nichts wirklich viel mit.
Erst heute habe ich mich wieder sehr über eine Pflichtveanstaltung aufregen müssen, die eigentlich völlig sinnlos ist – was übrigens sogar der Dozent(!) so empfindet.
Der andere Punkt ist natürlich die Zeit: meinen Nebenjob habe ich bisher immer gerade so in den Stundenplan quetschen können. Angenehm ist das natürlich nicht und so wird aus dem Studium ein einziges Planen von Terminen, bei dem das eigentlich Wichtige, das Lernen, auf der Strecke bleibt.
Na ja, also Bachelor ist ja nicht gleich Bachelor. Da scheinen wohl große Unterschiede je nach Uni und Studiengang zu existieren. Generell: Der Bachelor soll nicht das Diplom oder Magister ersetzen. Der Bachelor ist ein erster berufsqualifizierender Abschluss und nicht mit dem Diplom zu vergleichen (vllt. mit dem Vordiplom vom Stellenwert). Hingegen soll der Master das Pendant zum alten Diplom sein. Weiterhin schaut das nicht überall mit dem straffen Stundenplan aus. Auch als Bachelor hast du die Möglichkeit, länger zu studieren, dann musst du halt einfach weniger Veranstaltungen zu Semesterbeginn belegen und überschreitest halt die Regelstudienzeit (und hältst dich halt nicht an den “Musterstundenplan”). Problematisch ist hingegen, dass man halt Credits bezahlt von seinem Punktekonto, um eine Veranstaltung zu besuchen. Dadurch ist es nicht möglich zu sagen, ich besuche mal noch die Veranstaltung und schreibe da einfach mal die Endklausur (ne Belegung ist nur bis zu einem bestimmten Datum möglich). Auch ist es dann kaum drin, mal zu sagen, ich schreibe die Klausur am Ende nicht, weil man halt die Punkte “bezahlt” hat. In diesem Zusammenhang problematisch ist dann auch das Wiederholen, da du nicht mehr die Möglichkeit hast, jedes Modul sagen wir mal 3x zu wiederholen (aufgrund der Punkte, die wiederum bezahlt werden müssen). Zur Anwesenheitspflicht. Die existiert vllt. auf dem Papier, doch viele Profs kontrollieren die in der Vorlesung nicht. Da wird bei Übungen und Seminaren doch deutlich öfter geschaut, wer da ist und wer nicht.
Hi Julian,
sehr schön zusammen gefasst; ich habe selber ja mit Bachelor angefangen und bin dann zum Glück noch auf den Magisterstudiengang umgestiegen. Was sich da in den letzten Jahren in der sogenannten Bildungspolitik abgespielt hat, ist einfach nur noch traurig. Prof. Nida-Rümelin hat das heute im besetzten AudiMax als einer der ersten bedeutenden Redner auch noch einmal schön zusammen gefasst; ich hoffe, dass die durchaus fruchtbaren Diskussionen zu Veränderungen führen, wie beispielsweise die Verlängerung des BA von 6 auf 8 Semester. Bis morgen auf der Demo;)
Der Artikel war interessant für mich. Mir war gar nicht bewusst, wie es bei den Bachelor-Studiengängen so zugeht.
Ich bin ja schon ein etwas älteres Semester und habe 1988-1993 BWL studiert. Da war auch nicht alles perfekt aber wohl noch ganz anders als heute. Bei mir gab es noch genügend Zeit für fachfremde Inhalte (z.B. Sprachen, etc.).
1988/1989 gab es übrigens auch viele Demos. Im Grundstudium fand man in den Vorlesungssälen kaum einen Sitzplatz, außer man war extrem früh da.
Man muss in Deutschland aufpassen, dass die Ausbildung und Bildung nicht “den Bach runtergeht”. Das ist imho die einzige Ressource, über die Deutschland wirklich verfügt. Geht es mit der Bildung bergab, gehen wir hier einer trüben Zukunft entgegen.