Wir brauchen uns nichts vormachen: Obwohl alle jubeln “der Online-Markt ist so toll”, sind die meisten Online Unternehmen winzig klein, verglichen mit den klassischen Firmen in der “realen” Welt. Wir Blogger fühlen uns immer noch zum größten Teil als “Renegades”, die eine kleine verschworene Gemeinde ist. Diese kleine verschworene Gemeinde kann allerdings recht mächtig werden. Und sie ist auf dem besten Weg dorthin.

Blogger vs. Reputation-Management

Zwei Beispiele in den letzten Tagen haben das verdeutlicht. Die Abmahnung der deutschen Bahn AG an Netzpolitik.org und die Abmahnung von C&A gegen Topnews wegen Adsense. Als alter Geschichtler muss ich jetzt auch einmal meine Meinung dazu kund tun. :-)

Beide Abmahnungen waren (in meinen laienhaften Augen, keine Rechtsberatung) rechtlich nicht geklärt. Das heißt: Der Ausgang des jeweiligen Rechtsstreits war ungewiss. Ich bin mir selbst auch nicht sicher wie das vor Gericht geendet hätte, aber es wäre möglich gewesen dass sowohl die Deutsche Bahn wie auch C&A die Prozesse gewonnen hätten.

Interessant ist, dass es überhaupt nicht dazu kam. Innerhalb von kürzester Zeit wurden die Abmahnungen zurückgezogen und man hat sich gütlich geeinigt. Warum? Keines der beiden Unternehmen wäre durch den Prozess arm geworden. Warum hat man es also nicht auf einen Prozess ankommen lassen? Ich persönlich bin der Meinung, dass die große Solidarisierungswelle der Blogger und der enorme Medienrummel  wahrscheinlich vorher keineswegs einkalkuliert wurden und letztlich die PR das Gesetz geschrieben hat.

Irgendjemanden abmahnen, der eben so eine Webseite im Internet hat – das würde ich mir als großes Unternehmen ohne Internetkenntnisse auch nicht groß überlegen. Was kann schon schief gehen? Falsch gedacht: Der wirtschaftliche Schaden durch eine negative PR aufgrund der Abmahnung kann weitaus größer sein als der Schaden wegen des Abmahnungsgrundes an sich. Und bei diesen zwei Fällen ist meiner Meinung nach genau das passiert. Man hat (meiner Meinung nach) herausgefunden, dass es besser sei sich zurückzuziehen, bevor man negative PR bekommt – obwohl man sich eigentlich im Recht fühlte!

Man sollte so etwas aber immer auch von der anderen Seite betrachten: Waren die Blogger wirklich im Recht? Zum Prozess kam es ja nicht und meiner Meinung nach geschah das aufgrund des Pressedrucks. Damit wurde aber in gewisser Weise das Rechtssystem untergraben.

Nicht dass man mich falsch versteht: Ich bin auch der Meinung, dass die Gründe der Abmahnungen nicht unbedingt die Besten waren. Und es freut mich auch in gewisser Weise, dass man mittlerweile im Internet einen derartigen Pressedruck erzeugen kann, dass ungerechtfertigtes Verhalten durch negative PR bestraft wird. Aber maßt sich dann nicht die “Presse” (und damit meine ich auch Blogger) eine judikative (=gerichtliche) Funktion an?

Theoretisch wäre auch ein Missbrauch dieser Funktion denkbar: Das abmahnende Unternehmen hat juristisch und moralisch gesehen Recht, muss aber trotzdem die Abmahnung zurückziehen, weil Blogger, Online-Portale und Printmedien enormen Druck aufbauen. Als Trost bleibt nur die Hoffnung, dass die Medienwelt diesen Fakt nicht ausnutzt und moralisch sauber bleibt. Bedenklich bleibt diese Entwicklung meiner Meinung nach trotzdem und man sollte nicht nur die positiven Seiten dieser zwei Ereignisse sehen.

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10 Responses to Blogger werden mächtig

  1. Taline sagt:

    Ich glaube ja immer noch daran das auch Blogger untereinander sich nicht einfach alles nachplappern sondern selber erstmal hinterfragen, bevor Solidaritätswellen dieser Größe erst entstehen. Jedenfalls rede ich mir das ein und bisher hat es funktioniert.

  2. Jojo sagt:

    Eine solche Solidarisierung unter Bloggern beim Thema Abmahnung ist ja nicht neu, war darum nur eine Weile etwas ruhiger. Entscheidend ist hier die Macht der Blogger (und interessanterweise auch schon Twitterer), die das Thema so interessant machen, dass sich auch die Presse dazu “genötigt” sieht, das Thema aufzunehmen. Spätestens an diesem Punkt erkennt dann die Presseabteilung oder auch Unternehmensführung was man da losgetreten hat und rudert zurück.

    Sicherlich hast du recht – es ist absolut ungewiss wie die Prozeße ausgegangen wären. Aber das ist auch nicht so wichtig, denn ein gewonnener Prozeß macht einen ja nicht auch gleichzeitig zum moralischem Sieger. In jedem Fall hat es C&A versäumt einfach mal eine E-Mail zu schreiben …

  3. Kevin sagt:

    “Als Trost bleibt nur die Hoffnung, dass die Medienwelt diesen Fakt nicht ausnutzt und moralisch sauber bleibt”

    Galatica an Erde: Hallo, seit wann sind denn die Medien auch nur im geringsten “moralisch sauber”?

    Also nix für ungut, aber der Weihnachtsmann, den gibts nicht mehr … aber sei nicht traurig, wir Blogger können uns ja auch schöne Geschichten erzählen ;-D

  4. Jan sagt:

    ich finde es gut das es Blooger gibt die sich solitarisch zeigen, weil Abmahnung sollte wirklich immer das letzte sein.
    Eine freundliche Mail an die Webseite mit der Anfrage ob Ihn der ´jenige Sachverhalt bekannt ist sollte bei jeden Unternehmen, egal wie gross, drin sein.
    Und dann wird sich in den meisten Fällen die Dinge von allein regeln.

  5. Arndt sagt:

    “Aber maßt sich dann nicht die “Presse” (und damit meine ich auch Blogger) eine judikative (=gerichtliche) Funktion an?”

    Nein, wieso? Das ist die “Freiheit der Presse”. Die Presse verurteilt nicht, sondern macht Informationen und Meinungen einem öffentlichen Publikum zugänglich.

  6. fredda sagt:

    @jan
    naja das soll wohl ein witz sein. die haben die c&a aktion ausgenutzt um den leuten das geld aus der tasche zu ziehen und die eltern haben sich bei c&a beschwert. “eine freundliche mail” hätte ich da auch nicht mehr geschrieben.

  7. Dirk sagt:

    Hallo,

    sehr interessant der Beitrag. Ich hatte ein ganz ähnliches problem. Mir flatterte eine Abmahnung eines großen Herstellers aus dem Bereich Auqaristik ins Haus. Nachdem ich ein wenig die Trommel gerührt hatte, so dass der Herstreller eines Morgens sich etwa zehn mal erklären musste, hat sich der Anwalt mit Bitte um gütliche Einigung gebeten.

    Ich bin selbstverständlich darauf eingegeangen und habe mir die letzlich entstandenen Kosten von den jeweiligen Merchants per Regress zurück geholt.

    Ich denke, dass einige Firmen immer noch erfasst haben was die einzelnen Werbeformen und Möglichkeiten im Online-Marketing ausmachen. Auch die wirkliche Macht wird hier häufig noch unterschätzt.

    Mein Fall hat aber sicherlich nichts damit zu tun, dass die betreffende Firma recht hatte. Ich stimme aber zu, dass man mit bestimmten Druck Dinge stark verändern kann. Wenn ich die jeweiligen Ansprechpartner nicht schon eine Weile kennen würde, wäre die Geschichte sicherlich auch anders abgelaufen.

    Weiterhin viel Erfolg!
    Dirk

  8. Hobbyverfassungsrichter sagt:

    Wenn man unsere Rechtsordnung als technokratisches Gebilde betrachten würde, das lediglich Worte befolgt, wäre die Argumentation in diesem Artikel richtig.
    Die Aufgabe der Rechtssprechung geht aber tiefer. Es ist z.B. im Handelsrecht vorgeschrieben, Handelsbräche bzw. Gepflogenheiten einer Branche zu berücksichtigen. Dazu werden regelmäßig Gutachter bestellt. Auch im Internet bilden sich solche Bräuche heraus, die vermutlich bei der Beurteilung der jeweiligen Fälle eine Rolle spielen.

    Das wichtigste aber ist, dass die Gesetze und die rechtssprechung irgendwie nur Mittel zum Zweck sind, unser kollektives Rechtsempfinden auszudrücken und zu erfüllen. Und unser kollektives Rechtsempfinden sieht alles andere als ein Vergehen darin, gängige Werbeformen auf eine Website einzubinden und über Produkte, Medien oder was auch immer seine frei Meinung auszudrücken.

  9. Jan Theofel sagt:

    “Aber maßt sich dann nicht die “Presse” (und damit meine ich auch Blogger) eine judikative (=gerichtliche) Funktion an?”

    Nein. Der entscheidende Umstand ist, dass Abmahnungen als rechtliche Werkzeuge im Geschäftsleben entwickelt worden sind. Diese gegen meist privat agierende Blogger einzusetzen, war nicht die ursprüngliche Intention.

    Die Unterstützung hat also vor allem damit zu tun, dass hier ein unverhältnismäßiges Rechtsmittel eingesetzt wird um die Blogger zum Schweigen zu bringen.

    Der bessere Weg wäre in meinen Augen den Blogger freundlich anzuschreiben, auf den fraglichen Beitrag juristisch begründet einzugehen und zu bitten, diesen anzupassen. Das gibt im Zweifelsfall auch wegen der “journalistischen Freiheit” eine Welle. Aber es ist nicht die großer-Goliath-schwingt-Abmahnkeul-gegen-kleinen-Blog-David-Welle.

  10. [...] mahnt Sistrix ab Ein unglaublicher Knaller. Neulich habe ich noch darüber geschrieben, wie wichtig Blogger für Online Reputation Management sind und dabei das Beispiel “Abmahnungen” genommen. Eine Firma, die selbst Online Reputation [...]

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